Interview: Wortfeilerin Barbara Piontek

Barbara Piontek bezeichnet sich selbst zwar nicht als Sprachgenie, dennoch sind ihre Sprachkenntnisse germanischer Sprachen sehr beeindruckend. Im Interview sagt sie uns warum sie lieber tote, als die „üblichen“ Sprachen lernt und wann sie ihr Talent entdeckte.

Wie viele Sprachen sprichst du fließend und welche sind das?

Nicht ganz so einfach zu beantworten, da man „tote“ Sprachen kaum fließend sprechen kann. Ich kann mich aber mehr für alte, „tote“ Sprachen begeistern als für moderne Sprachen. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich nach ca. drei Tagen in einem fremdsprachigen Land ziemlich alles problemlos verstehe und spreche – ich „assimiliere“. Die Feinheiten einer Sprache erlernt man aber erst im Laufe der Zeit.

Dennoch folgt nun eine Aufzählung:
Deutsch, Mittelhochdeutsch, Althochdeutsch, Gotisch, Altsächsisch, Englisch, Altenglisch, zu wenig Gälisch, Schwedisch, Norwegisch, Altnorwegisch, Dänisch, Altdänisch, zu wenig Färöisch, Runen, Altisländisch und daher auch Isländisch, Latein, Französisch, Altfranzösisch, Italienisch.

Würdest du dich als Sprachgenie bezeichnen?

Nein, ich habe lediglich eine Begabung, die ich allzu gerne ausnutze. Einschränkend möchte ich darauf hinweisen, dass ich hauptsächlich germanische Sprachen beherrsche, die über einige sprachliche und grammatikalische Gemeinsamkeiten verfügen. Vielleicht liegt es auch an meiner Hochbegabung? Eigentlich frage ich mich sehr selten, warum ich dies oder jenes kann, ich akzeptiere es einfach.

Wie alt warst du, als du die erste Fremdsprache fließend sprechen konntest?

Ich konnte mich – teilweise zum Leidwesen meiner Eltern – sehr früh artikulieren. Schreiben und Lesen fesselten mich bereits im Kindergarten, ergo war ich Stammgast der lokalen Bibliothek, als ich noch nicht einmal über den Tresen schauen konnte. Meine erste Fremdsprache war Dänisch, denn wir waren den Sommer über sehr oft in Dänemark und ich plauderte sehr schnell mit.

Ansonsten war ich ein Spätzünder und bis in die Pubertät eher künstlerisch und sportlich begabt; im Gegenteil, mein erster Englischlehrer fand mich sprachlich völlig untalentiert und empfahl mir, auf keinen Fall Französisch zu lernen. Latein stellte sich, im ersten Anlauf, aber ebenfalls als sehr erfolglos raus. Nach einer Ehrenrunde und einem Schulwechsel kam es dann ganz anders, denn plötzlich fielen mir alle Sprachen sehr leicht und machten ungemein viel Spaß. Seitdem habe ich nie wieder Vokabeln oder Grammatik gelernt. Meine Blütezeit hatte ich an der Universität, wo ich teilweise zwei oder drei
Sprachkurse gleichzeitig besuchte.

Nach welchen Kriterien entscheidest du, welche Sprache du als nächstes lernst?

Nach Angebot und Interesse. Mich faszinieren Ursprachen und deren Verbindungen zu anderen Sprachen. Da ich die germanischen Sprachen so ziemlich erledigt habe und mir meine Kenntnisse der romanischen Sprachen genügen, wird es Zeit für ganz andere Sprachen; Sprachen, die eben so anders sind, das ich wahrscheinlich nicht einfach assoziieren kann und mir wirklich Mühe geben muss. Es ist aber nicht ganz einfach passende Angebote zu finden, da sich die meisten Kurse und Sprachreisen auf „übliche“ Sprachen beschränken, die mich nicht interessieren.

Welche Sprachen möchtest du auf jeden Fall noch lernen?

Hebräisch, weil ich bisher hauptsächlich den germanischen Sprachzweig erkundete und so nicht nur ein anderer Sprachzweig, sondern auch eine mir unbekannte Schrift hinzu kommt. Ich versuche mich gerade per Internet und anderen Medien an Sanskrit, weil es quasi die Muttersprache der germanischen Sprachen ist. Insgesamt möchte ich mich den indogermanischen Sprachen und deren Unterzweigen, wie den indoarischen Sprachen, die entfernte Verwandte der germanischen Sprachen sind, widmen.

Welche ist deine bevorzugte Lernmethode?

Ich habe keine, aber ich assoziiere sehr viel, denn nach ein paar Sprachen ist es einfach Verbindungen zu erkennen, so empfinde ich Grammatik als leicht und lerne keine Vokabeln. Ich denke, wenn man zum Beispiel die Lautverschiebungen und das Vernersche Gesetz versteht, kommt man in den germanischen Sprachen problemlos klar. Ein Beispiel?
Das Verb /geben/, heißt englisch/ give/, dänisch ebenfalls/ give/, altenglisc h/ giefan/, färöisch/ geva/, isländisch /gefa/,
mittelhochdeutsch /geben/, althochdeutsch /geban/, gotisch /giban/ – da fällt doch etwas auf?!

Ich denke, es hängt von den jeweiligen Voraussetzungen und Zielsetzungen ab: Generell ist es eine gute Idee viel zu lesen, zu schreiben und zu sprechen – denn Übung macht immer den Meister.

Empfiehlst du einem Anfänger auch das Internet zu benutzen oder setzt du mehr auf herkömmliche Methoden?

Ich habe noch kein Internetangebot gefunden, das ausreichende
Möglichkeiten bietet; außerdem ist es wichtig eine Sprache zu sprechen – und ich spreche selten mit dem Internet. Hinweisen möchte ich aber auf einen Online-Isländisch-Kurs, den ich sehr gelungen finde: http://icelandic.hi.is/

Was ist die herkömmliche Methode? Einen Sprachkurs vor Ort machen? Das ist immer eine gute Alternative, weil man irgendwann, wie ich zum Beispiel, in England steht und nicht weiß, was Wasserhahn heißt …

Über Barbara Piontek

Barbara Piontek. Jahrgang 1970. Aus und in Bochum.

Bereits in sehr jungen Jahren raspelte sie an Wort und Text, spätestens seit ihrem Germanistikstudium feilt sie daran. Es kam, wie es kommen musste: Sie landete in der Werbung. Mit Schalk, Charme und Schabernack schliff die Bochumerin für verschiedene Redaktionen und Agenturen so manch eckigen Text rund – und siebte auch gleich gefundene Rechtschreibfehler aus.

Heute ist die freiberufliche Texterin und Lektorin ihren Kunden als Wortfeilerin bekannt. Weit über die Grenzen des Ruhrgebiets kennt man sie spätestens durch ihr Blog. Dem Wahnsinn des Alltags, merkwürdigen Satzkonstrunktionen und so manch komischen Worten verpasst die Wortfeilerin dort so manches Wortfeilchen. Doch keine Bange, bislang ist noch jeder mit einem blassblauen Auge davongekommen; unversöhnlich oder böse ist sie schließlich nicht. Anders schon. Aber das ist schließlich auch eine ihrer Stärken.

Eine Schwäche hat sie allerdings — für Kurzgeschichten und Romane. Und die schreibt sie gern selbst. Das Debüt als Autorin? Bald. Schließlich stehen ihre Kunden an erster Stelle.

  1. Ein interessantes Interview. Für mich – als sprachlich unbegabten Menschen – ist ein solches Sprachentalent kaum vorstell- und nachvollziehbar.
    Besonders beeindruckt hat mich das Beispiel mit dem „geben“.

  2. Für mich sind Barbara’s Fähigkeiten auch sehr beeindruckend 🙂

  3. Danke Dani, allein die Kommunikation mit Dir hat einfach Spaß gemacht!

    @Mario:
    Was ist schon ein Sprachtalent? Die Definitionen unterscheiden sich anscheinend … ;-))

    Sag ich doch, Sprachen sind faszinierend! An dem Beispiel „geben“ kannst Du wunderbar die zeitliche Reihenfolge der germanischen Sprachen verfolgen – jedenfalls, wenn Du die Lautverschiebungen kennst ;-))

    Aber Vorsicht, wir haben (leider) auch viele lateinische Worte in unserer Sprache. Unser „Fenster“ stammt vom Lateinischen „fenestra“, wobei ich das germanische Wort, das im Englischen noch besteht, also „window“ („Windauge“), viel schöner finde und mich frage, warum wir es nicht behalten haben? Irgendwie nahmen uns die Römer ein wenig Identität – ein Grund, warum ich Anglizismen misstrauisch beäuge ;-))

  4. Sehr gerne habe ich Deine Sphäre im Bereich „Bedarfe“ (buha!) gespürt. Vielen Dank und beste Grüße aus Braunschweig.

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